Ganz angefixt von diesem Buch vibriere ich innerlich bis in die entfernteste Nervenspitze. Draußen ist nasskaltesdeprigrauverschwommens Matschwetter. Ich stakse durch den kalten grauen Glibber rüber zum Laden, wo ich Internet habe, und suche wie besessen nach ausgeflippten Parties in Berlin. Auf Facebook finde ich etwas das mir verrucht genug aussieht und locker mit dem Berghain mithalten kann. Ich bestätige den „Ich nehme teil“ Button. Noch zwei Tage bis dahin. Auf der Bank hebe ich einen Betrag ab und hasse mich dafür weil es mich Monate kosten wird ihn wieder auszugleichen. Aber es muss sein. In einem Rucksack stopfe ich das Nötigste zusammen und setze mich ins Auto. Auf der Autobahn bei Magdeburg fällt mir auf das die Karre keine Umweltplakette hat. Scheiße! Dann gehe ich eben noch ein Risiko ein, beschwichtige ich mich. Gegen 22:00 komme ich in Berlin an. In der Nähe der Lokation finde ich einen Parkplatz. Es ist eine Mischung aus nicht entdeckt werden und leichte Beute für Autoknacker-Junkies. Das muss jetzt Mal sein. Ich habe noch Zeit bis die Party steigt, und gehe einen Döner mit viel Zaziki essen.
Als ich ankomme umhüllt mich ohrenbetäubender Lärm. Die Musik ist so monoton wie todlangweilig. Ich schwirre durch einen Geruchscocktail aus allen angesagten Parfüms, Rauch, Sekreten menschlicher Hochstimmung und bereits Erbrochenem das irgendwo in der Nähe herumliegen muss. Egal, ich will nur einmal dabei gewesen sein. Ich will diese Atmosphäre geatmet haben. Ich kann nicht glauben dass die Welt die Hegemann beschreibt real existiert. Ich brauche die Bestätigung dass sie „nur“ eine Innenwelt, ein Lebensgefühl beschieben hat. Suchend irrt mein Blick durch die Masse. Ich schaue niemanden genau ins Gesicht vor Panik einen Beweis zu entdecken. Meine Mundhöhle bis tief hinein in den Rachen wird staubtrocken. Ich suche die Bar. Auf der Theke und in den Händen überall Mixgetränke, bunt mit Schirmchen und Obstapplikationen, Zucker- und Salzränder, und vor allem wer-weis-was-drin-ist?! Es ist dunkel und stickig, enges Gedrängel, ständig tastet meine Hand zum Portmonnaie. Jemand rempelt mich an, und ich erwarte das er mir Drogen anbietet. Ich bestelle eine Flasche Champanger, indem ich dem Kellner ins Ohr brülle, und füge hinzu dass ich die Flasche selber öffnen will. Der Kellner fragt mir seinen Fingern wieviel Gläser. Ich zeige ihm Zeige- und Mittelfinger. Während ich warte drehe ich mich um und stehe unvermittelt vor einem aufgetakeltem Federboa-Pfauenfächer-Glitzerbüschel. Ihre Augen sind schwarz umschminckt mit einer feinen Linie die auf ihren Wangen in einer Tropfenfolge endet, die sich über ihren Hals fortsetzt und zwischen ihren Brüsten versinkt. Sie schaut mich an als wolle sie vorbei. geht aber nicht weiter, wartet auf etwas. Der Kellner kommt von hinten, ich nehme ihm die Gläser ab und drücke ihm 100 EURO in die Hand während er mir die Flasche reicht. Die Gläser reiche ich ihr und lasse den Korken knallen, ein Geräusch dass in der Kakophonie untergeht. Sie setzt eine Siegermiene auf, und wir lassen die Gläser klingen, was wir aber nur als ein zartes Vibrieren in den Fingerspitzen spüren. Sie nippt und nähert sich meinem Ohr. Ich greife ihre freie Hand, drehe sie um und küsse sie in die kaltschwitzige Handfläche, schaue sie ein letztes Mal an und gehe fort. Am Ausgang drücke ich das Glas einem Typen in die Hand, von dem ich nicht weiss ob es der Rausschmeisser ist oder ein flüchtiger Schwerverbrecher der gerade eintritt.
Draussen geht ein eiskalter Wind. Meine Gläser beschlagen, ich kann nichts sehen. Ich bin am ganzen Körper klatschnass und die Klamotten sind schwer und feucht. Ich zittere. Ich mach mich auf den Weg zu einem Hotel. Ich will nur duschen, und meine Kleidung wegwerfen, Kaffee trinken und wieder zurück nach Hause. Es gibt sie also! Es war kein Alptraum den ich gelesen habe. Es ist alles genau so.
Das ist ein Strudel in dem man nicht weiter eindringen will. Man wird gezogen von weicher Hand ohne Druck. Man könnte „Nein!“ sagen und einfach gehn. Doch es geht nicht. Wohin führt es? Es wird zu nichts führen wo man am Ende aufatmet und sich freut dass alles vorbei ist. Es kann nur schlimm enden. Der Strudel führt ins Bodenlose. Man erinnert sich an vergangene Lebenssituationen nur um zu bestätigen, dass sie die Gründe für die aktuelle Misere sind. Es ist ein Teufelskreis aus dem es nur einen Weg gibt zu entkommen: Selbstmord! Doch das kommt nicht in Frage, weil man damit sich selber eingestehen müsste lebensunfähig zu sein. Dabei hat man doch so klare Feindbilder, Personen aus der Vergangenheit die eindeutig Schuld an der eigenen Lebens(Nieder)lage sind. Sie sollen nicht büssen, sie sollen es eingestehen, sie sollen gestehen, dass sie es zu verantworten haben, wie man sich jetzt fühlt. – Alles Gedankenmüll? Alles wortlose Einbildung, weil man das eine, von dem man glaubt dass es einem zusteht, nicht bekommt?
Kinder brauchen ihre Eltern weil sie allein nicht in der Welt zurecht kommen. Sie wachsen auf und hinein in eine Welt und aus dem Eltern-Kind-Verhältnis heraus. So sollte es sein. Ist es nicht so, dann hat man eben Pech gehabt, und zwar schon als Kind Pech gehabt. Doch dass interessiert niemanden. Unsere Welt ist eine Welt der Erwachsenen. Regeln und Gesetze ordnen jedes Verhalten und Fehlverhalten. Kinder werden solange verwaltet und be(ge)hütet bis sie gefügig genug sind um in der Erwachsenenwelt zu funktionieren. Soweit aufge(wachsen)zogen hat man zwei Möglichkeiten sich zu beteiligen. Man erkennt die Erwachsenenwelt an und fördert damit das System, oder man verweigert sich und fällt in eine Subkultur. Denn die Werte sind schon festgelegt. Leben findet nur noch statt im Bereich zwischen Kindheitsende und beginnender Etablierung. Der Elan und die Energie junger Erwachsener wird genutzt um das System der Gesellschaft abgeklärter Erwachsener am laufen zu halten. Aufbruchstimmung, oder feiner ausgedrückt Innovation, ist das einzige was gefragt ist. Minderjährige stören in diesem Prozess weil man die Erziehungsberechtigten umgehen muss, und Menschen über 30 sind nicht mehr aktivierbar weil sie bereits desillusioniert sind. Um zu bestehen bleibt man am Besten 40 Jahre lang 24 und vergisst seine Kindheit schon mit 14 Jahren. Mit 14 beginnt man schon wie ein altkluger 40jähriger daher zu reden, um sich auf seine Zukunft vorzubereiten, und macht mit 50 noch auf Teenie, um sich an seine verpfuschte Kindheit zu erinnern. Eigene Kinder hat man besser nicht, um sie nicht dem Lebensweg auszusetzen den man selber nicht zu meistern verstand.
Auf einer Postkarte war das Gesicht einer alten Indianerin abgebildet. Ihre Haut war faltig wie eine leere weiche Krokodillederhandtasche. Ihre Augen strahlten erfahren und weise als ob sie nur gute Wandlungen erlebt hätte. Auf einem anderen Bild aus dem GEO-Magazin ist ein Frühchen zu sehen, etwa daumengroß. Die Mutter kam zu ihrem Kind mehrmals am Tag um es für kurze Zeit mit den Fingerspitzen zu berühren. Nachweislich hat das Frühgeborene nur überlebt wegen der Berührung von Haut zu Haut, von Mutter zu Kind. Ich bin so naiv zu glauben, dass alles was sich zwischen Geburt und Tod abspielt gleichwertig ist, in dem Sinne wie wir uns als Mitmenschen respektieren und achten.
Bis zum Schluß des Buches sind es nun noch gut 70 Seiten.
Es ist eine sich immer weiter fortpflanzende dynamische Bewegung. Eine Kugel öffnet sich, platzt auf, langsam, dass man es beruhig beobachten kann, und kehrt sich um in die entgegengesetzte Form einer Kugel. Was ist die entgegengesetzte Form einer Kugel? Suchend, tastend und getrieben von Angst stehen bleiben zu können, kehrt und wendet sich diese Form sich wandelnder Kugel immer weiter. Eine Kugel würde wohl rollen, hin zu einem Ort der Ruhe, in eine Ecke, Vertiefung oder Ritze wo sie zum Stillstand käme. Doch diese Bewegung geht immer weiter, sie will umschließen, umstülpen und kann nicht zu einem Endpunkt gelangen. Es ist wie ein Alptraum bei dem man unendlich in die Tiefe fällt. Doch dies ist schlimmer – denn Tiefe hat eine Richtung, doch dieses sich umkrempeln, drumherumschlängeln und wandeln ist suchend nach einer Richtung die in alle Richtungen gleichzeitig geht. Die Geschwindigkeit ändert sich von explosiv, über ausbreitende Raumergreifung zu tastend suchender Evolution. Die sich wandelnde Form will den Raum ausfüllen, in der Art ihn zu umschlingen, ohne dass es ihr gelingt. Es geht hoch und runter, um Kurven, es pulsiert und es wird einem ganz schwindlig, doch es gibt kein gefühltes Zentrum um dem man schwindeln könnte. Es gibt nur ein getrieben sein und eine Panik vor dem Stillstand. Man wünscht sich der Zustand würde fortfahren und aufhören zur gleichen Zeit. Es ist als würde man in einem fort aus einem Traum erwachen, im Bett liegend aber knapp über der Matratze schwebend, und mit dem eigenem Arm von hinten unter seinen Körper, zwischen Körper und Matratze mit der Hand durchfahrend, aber auch mit dem Bett verbunden sein. Man will sich ausweiten, verbreiten, verströmen ohne seine Form zu wandeln, man will überall sein ohne sich von seinem Platz zu bewegen.
Auf Seite 28 überkam mich eine erschöpfende Müdigkeit, und ich legte mich für einen Moment schlafen. Als ich erwachte fühlte ich mich genau so, immer im Gedanken bei dem Buch. Ich suchte Halt an etwas. Wer war ich, dass ein Buch mich so umkrempelte und aus der Bahn warf? Im Brockhaus fand ich dann so etwas wie Trost. Ohne zu wissen was genau ein Axolotl wirklich ist, hatte ich eine Metapher für mein aus-dem-Alp-erwachen-Gefühl gefunden. Und ich erinnerte mich an meine Zeit als Jugendhelfer, wo ich Schüler beobachtete die einem komatösen Blick hatten und so sehr ohne eigenen Antrieb waren. Motivation setzte nur ihre Körper in Bewegung, aber die Person, die noch junge unfertige Persönlichkeit, das überforderte Kind dass schon erwachsen sein sollte, keine Perspekitve und keine Zukunft geboten bekam, blieb dabei unbewegt und unbewegbar. Soviel bis Seite 28 von Axolotl Roadkill von Helene Hegemann. Ich kann mich kaum an Handlung erinnern. Ich bin im Bann von Wortgebilden die ich analytisch nicht verstehen will und wohl auch nicht muss, weil sie eine Klarheit erzeugen die ein Lebensgefühl beschreiben. Dieses Lebensgefühl ist manisch-depressiv in einem, manisch im Inneren und phlegmatisch-depressiv in der äußerlichen Wahrnehmung. Ich habe ein bischen Angst weiter zu lesen, und will doch wissen.
Mein Interesse an dem Buch kam von dem Plagiatsvorwurf und der öffentlichen Diskussion darum. Doch jetzt stehe ich im Banne der Wortgewalt. Ich bin in eine eigene Welt eingetaucht, abgeschnitten von allem anderen, isoliert von allen Menschen. Die Worte und Sätze bilden die Substanz in der etwas das keine Gegenständlichkeit besitzt Form bekommt und sichtbar wird. Der Text ist ein Katalysator für ein Lebensgefühl. Der Plagiatsvorwurf interessiert mich schon gar nicht mehr. Ich hoffe nur die Kraft und die Geduld aufzubringen bis zum Ende zu lesen. Ich mag das Buch nicht, aber es ist ein großer Wurf. Meine aufrichtige Hochachtung Frau Hegeman.
Sehr geehrte Verfechter des Plagiat-Verbots,
wir befinden uns im 3. JhTaus. Es gibt wahrscheinlich keinen Gedanken der noch nicht gedacht und von jemanden aufgeschrieben und veröffentlicht wurde. Nach dem die Menschheit jahrhundertelang auf personenbezogene Aussagen bestanden hat, wäre es doch einmal wert (auch zum wiederholtem Male) sich mehr auf den Inhalt zu besinnen als auf die Herkunft. Denn soviel ist Mal klar, auch unsere Altvorderen haben eine Menge Müll geschrieben.
Es wird Zeit, dass wir in einer Welt wo ein heute gesprochenes Wort schon morgen keine Gültigkeit mehr hat, wo wir via Netzwerke die Wahrnehmung der Realität im Bit-Takt relativieren, uns nicht mehr so sehr damit aufhalten sollten, wer etwas gesagt hat, sondern ob es etwas taugt, was jemand gesagt hat. Und wie messen wir den Grad der Tauglichkeit? Garnicht! Der Leser kann das entscheiden. Mit dem Bildungsangebot in der BRD ist das sicherlich nicht so einfach. Doch dann bitte die Forderung eine Bildung zu schaffen die eigenverantwortliche Leser und Menschen entwickelt, und nicht Verbote was von wem wann unter welchen Bedingungen wie gesagt werden darf.
In einer globalen Welt, die wir mit dem Internet geworden sind, hat sich die Qualität und Natur der Dialoge gewandelt. Wir führen Dialoge mit Leuten denen wir nie begegnet sind, und wahrscheinlich nie begegenen werden. Wir nehmen an Diskussionen teil, zu denen wir lediglich mit unserer Meinung beitragen. Die „Sache“ ist deutlich näher in den Vordergrund getreten. Lasst uns also mehr über „etwas“ sprechen/lesen/schreiben als darüber zu streiten wer der Urheber einer Idee ist.
Jeder Ideenkreierer sollte doch froh sein dass seine Idee von jemanden aufgegriffen wurde. Das macht ihn zum Teilhaber am großen Weltgeschehn. Die Idee sollte mehr in den Vordergrund kommen als die Person.
Und Sie, Helene Hegemann, möchte ich danken, dass Sie, gewollt oder ungewollt, die Debatte um Urheberschaft wieder einmal angestoßen haben.
Mit freundlichen Grüßen
Georg Büchner, Thomas Mann, Bert Brecht, G.W. Goethe u.s.w. u.s.f
Ich lese immer häufiger und sachlicher über das Bedingungslose Grundeinkommen. Mir scheint ein breites Interesse an Politik und Demokratie entwickelt sich. Es entsteht gerade eine politische Forderung unabhängig von Parteien, Politik-Skandalen und Politik-Verdrossenheit. Auf vertrauenserweckende Art und mit großer Sachkenntnis werden Themen des politischen und gesellschaftlichen Lebens von vielen unterschiedlichen Menschen durch alle Schichten diskutiert. Wir Bürger, die an diesem Prozess teilnehmen, finden ihre Stimme um ein vielfaches wertvoller und geachteter in den zahlreichen Foren im Internet als bisher. Hier zeigt sich dass die Bevölkerung ein reges Interesse an den Lösungen der gesellschaftlichen Herausforderungen hat. Und es zeigt sich, jeder sachverständige Beitrag fördert das Verständnis für neue Gesellschaftsformen. Bei diesem Thema wird nicht mit Waffengewalt oder Korruption Politik gemacht, sondern es waltet der zivilisierte Menschenverstand.
Heute möchte ich einen kleinen Beitrag zu diesem bewegenden Thema vorstellen. Es handelt sich um das Buch von Serge Paugam - Die elementaren Formen der Armut. Paugam ist ein französischer Soziologe der zehn Jahre lang empirische Studien in Europa betrieben, und Datenmaterial anderer ausgewertet hat. Er hat drei unterschiedliche Formen der Armut gefunden: integrierte, marginale und diskreditierende Armut. Man bekommt ein fundiertes Bild davon was Armut eigentlich ist, wie sie sich zeigt und wie dagegen angegangen wird. In dem Buch erfährt man auch wie sinnvoll, oder häufig „unsinn-voll“, Massnahmen ergriffen werden um mit Armut umzugehen. Paugam schreibt auf eine Weise, dass man nicht Soziologie studieren muss um zu verstehen. Und er sorgt auch dafür dass ein Leser mit wissenschaftlichem Verständnis auf seine Kosten kommt. Ich empfehle dieses Buch auch in dem Sinne, dass man als Betroffener ein neues Verständnis für Armut bekommt. Mir hat dieses Buch den Rücken gestärkt und meinem Selbstbewusstsein Auftrieb gegeben. ISBN 978-3-936096-90-3 Hamburger Edition HIS Hamburger Institut für Sozialforschung, oder www.zavb.com.
In meinem Antiquariat habe ich eine Rubrik für Theater-Literatur eingerichtet. Noch ist das eine übersichtliche Sache. Doch es werden immer mehr Bücher die ich dazu stelle. Dabei handelt es sich um Stücke, Biographien, Werkausgaben bis hin zu Anektoten. Wenn Du ein Buch suchst und es auf www.zvab.com nicht gefunden hast, besteht immer noch die Chance es bei mir zu finden. Denn diese Rubrik habe ich noch nicht ins Netz gestellt. Ich werde es wohl auch nicht in absehbarer Zeit tun. Hier entsteht also eine kleine Fundgrube.
Wie kannst Du darauf zugreifen? Ganz einfach! Du schickst mir den Namen des Autors und den Titel, und wenn Du hast, auch andere bibliographische Daten. Dann schaue ich in meine Fundgrube und mache Dir ein Angebot. Dann kannst Du entscheiden wie Du willst.
Nur Mut, lesen tut gut!
Die „Chronik eines angekündigten Todes“ von Gabriel Garcia Marquez gehört zu den Büchern die mich besonders beeindruckten. Die Braut wird in der Hochzeitsnacht ins Elternhaus zurück geschickt, weil sie nicht mehr unberührt ist. Ihre Brüder beschließen; der mutmassliche Täter muss sterben. Das Buch, vor 30 Jahren geschrieben, behandelt damit einen Vorgang der einer zivilisierten Gesellschaft unvorstellbar erscheinen sollte. Wir leben im 3. Jahrtausend (nach Christi Geburt) und die Menschheit ist noch immer nicht zivilisiert oder kultiviert genug, dass solch ein Vorgang undenkbar wäre.
Marquez schildert diesen Tötungsmorgen aus der Sicht der beteiligten Personen. Dadurch ergeben sich fünf, bzw. sechs, unterschiedliche Versionen der selben Tat. Mein subjektiver Eindruck war folgender: Wie können Menschen vor sich selbst rechtfertigen einen anderen zu töten? Auf Seite 27 der TB-Ausgabe von KiWi Köln 2003 ist der „Täter“ bestraft durch Tod. Dann wird der Vorgang noch einmal erzählt, und noch einmal und noch einmal und mir wird klar wie unfassbar es ist. Und nachdem ich die zweite und die dritte Version gelesen habe ist es immer noch unbegreiflich was geschah. Es geht in diesem Buch nicht darum dass wir ein Recht erkennen oder eine Berechtigung sehen, oder ablehnen. Wir beginnen als Leser zu verstehen welchen seelischen Spannungen wir ausgesetzt sind in einer Gesellschafts- und Glaubensordnung die nicht stimmig ist. Die Moralvorstellungen kongruieren nicht mit der Rechtssprechung. Die Systeme die unser aller Zusammenleben ordnen sollen empfinde ich zutiefst als ungeeignet.
Dieses Buch gehört zu denen die ich tatsächlich schon mehrfach gelesen habe. Und es gehört auch zu denen die mir als Referenz zur Seite stehen, wenn ich Fragen der Menschlichkeit für mich beantworten muss. Das Buch ist keine Antwort – es trifft mich auf eine Weise die den Kern meiner Ehrlichkeit wach ruft.
Eine Büchlein-Empfehlung: Es hat nur 96 Seiten in recht großer Schrift und ist von Claudius Seidl. Der Kolumnist spürt 27 ungeklärten Fragen zwischen Männern und Frauen nach. Sie sind von so dialektische Einfachheit wie „Männer essen Fleisch, Frauen essen Gemüse“ womit auch gleich der Titel genannt wäre. Mir gefiel dass es nicht so bierernst geschrieben ist und dennoch den Kern von Verschiedenheit und Verbundenheit trifft. Gut zu lesen wenn man nicht gerade Stress mit seinem/er Partner/In hat, und mit einem Schmunzeln im Spiegel mehr als nur sein Abbild erkennen kann. Zu erhalten beim www.zvab.com
Ich mache einen neuen Buchtip. Romane sind in den seltensten Fällen komplett fiktional. Wenn der Gegenstand nicht verschleiert werden soll, weil sein Wahrheitsgehalt unüberwindlich ist, kann man auch den Mut aufbringen dokumentarisch zu erzählen. Der Roman Winterspelt, ein Dorf in der Eifel, beginnt mit Fakten aus der Kriegszeit. Doch dann bereichert Andersch die Fakten mit Menschen, ihren Biogrammen und Handeln. Dabei kommt er von den sachlichen Tatsachen auf die Erzählebene dass der Leser meint er blättere in einer illustrierten Akte. Bruchstücke die kurze Bilder, Situationen oder Rückblenden beschreiben von einem bestimmten Tag im Krieg 1944. Dies Buch vermittelt eine Sicht auf Krieg in seiner Absurdität und Widersprüchlichkeit, und lässt uns die beteiligten Menschen verstehen. Krieg wird von Menschen gemacht, ob sie es wollen oder nicht. Alfred Andersch - Winterspelt (zu finden bei www.zvab.com)
Der Gesang in der Oper ist die übersteigerte Form des Sprechens. Was in einem gesprochenem Dialog nicht mehr ausgedrückt werden kann, wird durch die künstlerische Form des Gesangs erfüllt. Die Arie ist somit die Fortführung der Sprache indem in ihr mehr Tiefe und Weite kommuniziert werden kann als mit dem gesprochenen Wort. Ich verstehe die Arie als eine Form des natürlichen Sprechens nur wesentlich gehaltvoller. Und ich betrachte die Begrenzung der Sprache als eine Herausforderung im Sprechtheater. Siehe die Seite http://www.youtube.com/watch?v=3b0p9mTJOJI&feature=related
oder den Link “La Mamma Morta” im Blogroll rechts.