(Bremerhaven) Mit dem Ballett Giselle zu der Musik von Adolphe Adam hat der Ballettmeister im Stadttheater Bremerhaven, Sergei Vanaev, eine nur mittelmässige Arbeit geliefert. Seine Darbietung ist besonders bedauerlich weil sehr viele junge Besucher den Weg ins Theater gefunden haben.
Trotz anhaltendem Applaus gab es viele Stimmen die sich enttäuscht äusserten.
Zum Inhalt: Giselle wird mehrfach vom Grafen vergewaltigt. Sie klagt ihn an. Doch als sie merkt, dass selbst die Gräfin, Zeugin der zweiten Vergewaltigung, nicht unterstützend eingreift, tötet Giselle den Grafen. Im zweiten Akt sitzt Giselle im Kerker. In halluzinatorischen Reflektionen spielt sie die einzelnen Erlebnisse noch einmal durch um dann im inneren Frieden mit sich zu sterben. Bathilda, die Gräfin, nimmt sich nach der Hinrichtung vor Scham und Reue des Kindes an.
Im Jahr 2011/12 ist Vergewaltigung kein herrschaftliches Kavaliersdelikt sondern ernst zu nehmen und mit Respekt vor der Weiblichkeit zu behandeln.
Tanz ist eine Bewegungsästhetik die ein hohes Mass körperlicher Fähigkeiten voraussetzt oder bestenfalls wie eleganter Sport aussieht. Im Programmheft wird angekündigt die Partie der Giselle sei ein Meilenstein im Repertoire jeder Ballerina. Vanessa Erdmann verschweigt besser in ihrer Vita diese Inszenierung. Gefordert war eine tänzerische Virtuosität, technische Leichtigkeit sowie darstellerische Expressivität und Wandelbarkeit. Das sind große Worte. Ein verantwortungsvoller Ballettmeister hätte sicher dafür gesorgt, dass sie nicht bei dieser Besetzung angeschlagen werden. Es ist auch eine Respektlosigkeit vor der Jugend eines der anspruchsvollsten Ballettstücke mit so mittelmässigem Ergebnis aufzuführen.
Auch wenn die Komposition von Adophe Adam nicht gerade der große Wurf ist, muss die Musik in der Bewegungsästhetik zu sehen sein. Bilder aus Körper in Bewegung sprechen nicht über den rationalen Weg durch den Gehörgang, sondern in emotionaler Direktheit. Jedoch gerade diese Direktheit blieb aus. Zwei Umstände trugen erschwerend hinzu: Kostüme und Choreographie. Die Röcke flatterten wie Fahnen die sich am Mast verhangen hatten. Was an körperlicher Expressivität entstand wurde von den Stoffen verhüllt, oder (wie peinlich) entblößte die Tänzerinnen in unnötig beschämender Weise. Die Choreographie ist schwammig, indifferent und überladen. Oder um mit den Worten einiger Besucher zu sprechen „Viel Füllmaterial“. Natürlich muss eine anspruchsvolle Titelpartie auch anspruchsvoll in Szene gesetzt werden. Die erste Vergewaltigung, ehr beiläufig unter dem Wagen und nur durch die Farbveränderung in blutrot auf dem Bühnenprospekt zu erkennen, war lächerlich. Die Zweite wurde durch eine Mischung aus Kampf und Liebesspiel eingeleitet bei der man nicht recht wusste: rennt sie weg oder lockt sie ihn ins Bett. Beschämend! Wer sich mit diesen Thema beschäftigt sollte auch den Mut aufbringen und die visuellen Ideen entwickeln können die einen würdevollen Umgang gestatten, gleich unabhängig davon wie kritisch das Publikum sei.
Das Bühnenbild, auch hier hat Sergei Vanaev mitgewirkt, erinnert im ersten Akt an ein Märchen in dem ein Insektenthema behandelt wird. Peter Pan würde sich dort vielleicht wohl fühlen. Das Stadttheater verfügt über sehr gute Beleuchtungsmöglichkeiten. Dieser Lichtsumpf wäre zu verhindern gewesen. Im zweiten Akt ist das Bild schon viel besser strukturiert. Der Kerker ist mit seitlicher Ausleuchtung hinter den Zellenstäben ausdrucksstark und bietet Giselle einen fließenden Wechsel zwischen Realität und mythischer Läuterung.
Nicht alles war schlecht. Wenn es um darstellerische Ausdrucksstärke ging dann muss Leticia Forattini Martins genannt werden. In der Figur der Myrtha kommen Leichtigkeit und kongruente Verbindung zur Musik zum Vorschein. Ebenfalls beeindruckend Elisabeth Towles als Bathilda. Bei diesen beiden stimmte auch das Kostüm und komplementierte den Tanz so wie die Rolle.
Zu bemerken ist noch die Begeisterung für´s Ballett vor allem im jüngeren Publikum. Der Altersdurchnitt in dem fast ausverkauftem Haus war um gefühlte 20 Jahre gesenkt.
Trotz dieser harschen Kritik, die von mehreren Besuchern in ähnlicher Weise geteilt wurde, möchte ich nicht unerwähnt lassen wie einige wenige im Publikum mit soviel Enthusiasmus applaudierten, dass es sie von den Sitzen hochriss. Doch Geschmack ist nicht das ultimative Mass der Qualität. Wenn ein Ballettmeister ohne Konkurrenz am Ort ist, kommt auf ihm eine große Verantwortung für ehrliche Leistung und qualitativ anspruchsvolle Choreographien.
(Bremerhaven) Das Stadttheater Bremerhaven bringt der Jugend ein Theatererlebnis auf beeindruckende Weise nah. Gestern spielte Mira Tscherne in ihrer eigene Inszenierung „Warum das Kind in der Polenta kocht“ nach dem Roman von Aglaja Veteranyi im Pferdestall in der Gartenstraße. Die Schauspielerin hat den Roman für ihr Schauspieldiplom in Graz (Österreich) in eine reduzierte Form gebracht. Ein Drittel der Gäste entsprachen dem Erwartungsalter des JUP!, - „Junges Theater im Pferdestall“, eine Art Nebenstelle des Stadttheaters auf Zeit.
Schauspieler die frisch im Beruf sind werden gerne für das Weihnachtsmärchen oder für Jugendstücke und Kindertheater eingesetzt. Das mag daran liegen das der Altersunterschied nicht so groß ist zwischen Akteur und Zuschauer. Es ist aber auch die eingeebnete Fallhöhe die sich aus begrenzter Erfahrung und hohem künstlerischem Anspruch ergibt. Letzteres ist für Bremerhaven nicht so ausschlaggebend. Das Mass an Erfahrung um so mehr wenn es sich dabei wie bei Mira Tscherne um ein herausragendes Schauspiel Talent handelt. Sie hat vor anderthalb Jahren ihre Prüfung abgelegt, sie ist also noch auf dem Weg in den Beruf. Und soviel kann man jetzt schon sagen, sie hat noch enorme Resourcen zu entwickeln und anzubieten. Es sind gewisse Qualitäten die eine Schauspielerin auf natürliche Weise mitbringt mit denen sie sich aus der gewöhnlichen Menge abhebt. Eine davon ist die Fähigkeit sensibel auf der Bühne zu zeigen wie zerbrechlich wir Menschen sind ohne dabei selbst zu zerbrechen. Eine andere ist es Fiktion so real darzustellen das man eine Puppe nicht von einem Säugling unterscheiden kann, ausser man kneift sich und erinnert sich daran im Theater zu sitzen. Und eine weitere ist der Mut aufrichtig und natürlich auf der Bühne zu sein, und dabei das Spiel und die Dramaturgie nicht aus dem Blick zu verlieren. Diese, und weitere Fähigkeiten die ihr überragendes Talent ausmachen, hat Mira Tscherne gestern im Pferdestall gezeigt. Talent ist der Spiegel der Möglichkeiten die in einer Person stecken. Die Vorstellung war beeindruckend, berührend, fesselnd und sie hat damit gezeigt, das noch sehr viel mehr in ihr steckt. Man kann nur hoffen, dass sie nicht im Staatstheater-Regie-Einheitsbrei untergeht. Man muss hoffen und wünschen das sie einen Regisseur trifft der sie fordert und dem sie vertrauen kann. Dann sehen wir bald schon eine neue Wokalek-Jentsch-Gedeck Tscherne.
Theater lebt davon wie sehr das Publikum mit eifert, mit fiebert, sich emotional gibt und mit reißen lässt. Es ist für keinen noch so selbstsicheren Schauspieler ein leichtes vor der typischen norddeutsch stoisch gefrorenen Gesichterfassade zu spielen. Um so mehr ist da z.B. das transparente Spiel mit poetischer Klarheit zu werten, mit dem Tscherne die Puppe entkleidet wenn sie über ihre Mutter spricht. Und ebenso hervorragend ist es, wie sie die Verbindung zum Publikum hält, in dem sie direkt in deren Herzen spricht. Das Publikum aber lässt nur spärlich und aus überspannter Zurückhaltung hin und wieder eine Gefühlsregung aufblitzen, welche sofort in der stillen Tiefe der Ränge vom Dunkel absorbiert wird. Sie muss ein seelischer Torrero sein, eine Walküre der Emotionen und die Brandung die sich um den Fels herum ergießt. Es muss an dieser Stelle die Frage gestattet sein, gerade weil es sich um das JUP! „Junges Theater im Pferdestall“ handelt, wo die Bildung ansetzen muss. Ist es nicht so, dass die Rezipienten mit der Kommunikation des Schauspielens vertraut gemacht werden müssen, damit sie die Darbietung auf der Bühne verfolgen können? Wenn ein Publikum eine Vorstellung als „schön“ oder „Mal was anderes“ bezeichnet möchte sich jeder Schauspieler die Kugel geben. Soviel zu den Potentialen.
In der Geschichte wird die Sicht eines Mädchens, die mit ihren Eltern in den Westen flüchtet, gezeigt. Und da fällt es auf wie eine vertrauensvolle Regie geholfen hätte. Mancher Witz versickert in unpräziser Gestaltung. Manchmal kann man nur aus dem gesprochenen Wort heraus erkennen welche Person dargestellt wird. Und die Spielrhythmik und Dynamik wäre auch besser von außen beurteilt, wenn man selbst noch nicht die fundierte Erfahrung gesammelt hat. Theater ist immer eine Gemeinschaftsarbeit. Und dieser aufbauende Wert einer in Gemeinschaft entstehenden Aussage fehlt der Inszenierung. Es fehlt oftmals der Biss, es fehlt die Basis dafür eine kollektive Gefühlsäusserung entstehen zu lassen. Aber es fehlt eben nicht an der Fähigkeit, sondern an der Erfahrung diese Feinheiten allein meistern zu können.
Fotos und Filmsequenzen in Theaterstücken mit einzubeziehen gehört mit zu den ganz großen Herausforderungen. Film und Theater sind so unterschiedlich in ihren Kommunikationsformen wie Feuer und Wasser. Die präzise Auswahl und Gestaltung der Bilder in einem Film verschlingen ein Vielfaches von der Zeit die letztendlich am Set gedreht wird. Man kann davon ausgehen, dass alles in einem Bild gestaltet ist, dass nichts zufällig mit aufgenommen wird, und dass ein ganz bestimmtes ausgeklügeltes Tempo gewählt wurde um diese Bilder einzufangen und in Folge zu setzen. Ganz zu schweigen davon was im Schnittraum dann noch kreiert wird. Auf der Bühne ist nichts reproduzierbar, und man kann den Bildausschnitt nur schwierig wählen. Die Life Darbietung ist ausserdem von unzähligen Überraschungen begleitet die jede Vorstellung zu einem neuen Erlebnis macht. Um diese unterschiedlichen Formen zusammen zu bringen muss man beide Sprachen, die des Films und des Theaters verinnerlicht haben. Dies ist Mira Tscherne nur zu Beginn geglückt. Während der Einlasszeit wird eine Videosequenz in einer Endlosschleife gezeigt. Darin sehen wir ein Mädchen das allein spielerisch in einer Fussgängerzone zwischen vielen vorbei schlendernden Erwachsenenbeinen Tanzschritte nachvollzieht. Man sieht nicht den Kopf des Mädchens. Nur an den Fuss- und Beinbewegungen erkennt man die naive Hingabe an die einzelnen Schritte. Das Mädchen ist so sehr in ihrem Tanz versunken, dass es die Menschen um sich herum gar nicht wahr zu nehmen scheint. Und dann stellt sie plötzlich fest als sie fast mit einem Erwachsenen zusammen trifft, dass noch andere um sie herum sind, erschrickt und läuft um sich blickend aus dem Bild. Die Sequenz ist von Tscherne aufgezeichnet worden, also kein Archivmaterial. Und sie ist eine treffende Metapher für das ganze Stück. Die im späteren Verlauf eingespielten Bilder sind weniger beeindruckend bis störend.
Lassen sie es sich nicht entgehen die allmähliche Entstehung einer großen Theaterkarriere mitzuerleben. Sie spielt sich direkt vor unseren Augen ab, so wie damals mit Thalheimer und Herbst in den 80ern.
In diesem Jahr wird „Warum das Kind in der Polenta kocht“ von und mit Mira Tscherne nur noch zwei Mal geben: Am Samstag und am Montag jeweils um 19:30. Das Stück ist für Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene ab 15 bis 150 Jahre. Und wenn die Nachfrage groß genug ist dann könnte es auch im kommenden Jahr wieder auf den Spielplan kommen.
(Bremerhaven) Gestern Abend war Premiere im Stadttheater Bremerhaven. „Fundament“ lautet der Titel und ist eine Stückentwicklung von Jan Neumann in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Staatstheater 2009. Erik Altorfer inszenierte es zu Sprechcollagen in einer farbenfrohen Welt von Eva Humburg. Fünf verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Lebensweisen treffen sich zufällig am Bahnhof einer Stadt und erleben/erleiden einen Terroranschlag. Ja und?
Das ist doch tragisch! So könnte man ausrufen. Damit muss man heute ständig rechnen, antworten andere darauf. Und über diese – zur Gewohnheit verkommenen – Situation kommt der Autor auch nicht hinaus. Er benutzt die wie-auch-immer-reale Terrorgefahr um einer anderen weniger dringlichen Thematik zu folgen. Es fehlt dem Stück, und damit auch dem Autor, an Demut vor dem wirklichen Leben zu Gunsten eines pauschalisierten Lebens. Und es fehlt dem Stück eine klare Absicht die es zu belegen gilt oder an der man scheitern kann. Da nützt es auch nichts wenn er Feldforschung betreibt und mit einem Ensemble improvisatorisch die Charaktere entwickelt, oder im Team philosophiert. Das erschütternde starke Bild, der Terrorakt, wird von ihm banalisiert um über die Glaubensweisen der einzelnen Personen zu reden. Aber die einzelnen Personen, ein Religionssuchender, ein Student, eine Managerin, eine zweifelnde Ehefrau und Mutter so wie ein Top-Werbegraphiker, bleiben nur an der Klischee behafteten Oberfläche. Das essentielle Ringen nach einer Glaubensidentifikation kommt nicht ernsthaft zur Sprache. Die Personen sind immer nur Abziehbilder die wir so oder ähnlich zig Mal kolportiert kennen. Darin besteht die große Schwäche des Textes.
Jan Neumann hat aber eine andere Qualität die mich paradox erstaunen lässt. Er schreibt das Stück mit einer bezaubernden Poesie. Seine Bilder ziehen sich lang und dynamisch in großen eingängigen Bögen durch das Stück. Ein Beispiel: Eine Taube setzt an zu einem letzten Flug. Dabei streift sie auf ihrem Weg den gesamten Spielort und die Hauptcharaktere. Sie verbindet eine komplexe Handlung homogen mit einem imaginären Ort. Ein anderes Beispiel: In der Kunstthearapiesitzung mit Bettina Lauterbach, der zweifelnden Ehefrau und Mutter, ist der Text wie ein vielsprachiger Gesang komponiert. Man wird durch die Szene hindurchgezogen wie auf einer pseudoschönen Melodie, kann sich der aufgesetzten und heuchlerischen Mitgefühlsduselei nicht entziehen. Gleichzeitig überspitzt Neumann gerade soviel, dass man den beißenden Sarkasmus nicht übersehen kann. Seine Sprache ist einfach gehalten, kommt scharf auf den Punkt und ist von einer natürlichen Rhythmik die den Leser in einem Atemzug durch das Stück saugt. Und das ist der Punkt: Dem „Leser“ ergeht es so.
Die Inszenierung dagegen ist ehr überladen und holprig. Was in der Sprache punktgenau und kristallklar geschrieben steht, wird auf der Bühne durch kryptische Symbolik verwässert. Vielleicht hätte man dem Schauspiel-Ensemble sprachlich mehr zutrauen sollen. Die können das. Doch auf der Bühne steht so ein Gefühl von geistiger Klaustrophobie. Was ist das? Hörspielkino mit Umbaupausen? Es ist so voll mit irgend welchen symbolischen Ideen die nur wenige Psychologie Professoren entschlüsseln können. Die Umbauten dauern lange und scheinen nur etwas Bewegung zu schaffen. Die Umbaumusik ist nicht kongruent mit einer dramaturgischen Entwicklung, also nur Schmuckwerk? Das Bühnenbild, mit allen Grundfarben übergossen, ist so unspezifisch, man hätte es auch in Schwarz oder Weis machen können. Hier fehlt der Biss. Gerade wegen der Tatsache weil dem Stück die Absicht fehlt.
Verstehen sie mich bitte nicht falsch, ich empfehle das „Fundament“. Gehen sie hinein und nehmen sie aktiv daran Teil wie sich Theater in der heutigen Welt entwickeln soll. Diese Inszenierung und das Stück selbst bietet eine gelungene Chance für einen offenen Kontakt mit einer heranwachsenden Theater Gesellschaft. Hier ist die Gelegenheit für ein junges Publikum um sich mit den Ausdrucksformen des Theaters zu beschäftigen die noch nicht in Stein gemeißelt sind. Deutschlehrer sollten diesen Text mit ihren Schülern durcharbeiten und dann die Inszenierung anschauen und das Gespräch mit den Künstlern suchen. Man muss vor dem Stück nicht ehrfurchtsvoll erstarren wie ein Faust es fordern kann. Es ist eine kommunikative Spielerei, es ist eine Arbeit im Prozess, es ist Forschung nach einer neuen Sprache im Theater, es ist die Suche nach einer Gesellschaftsverständigung, es ist das Angebot einer Reflektion über aktuelle Vorfälle in der Welt. Seit über zehn Jahren ringt man mit diesen Themen im Theater. Warum nicht auch in Bremerhaven?
„Fundament“ wird noch am 17. und 21. Dez. 2011 sowie am 13. und 20. Jan. 2012 gespielt. Weitere Termine sind noch nicht angekündigt.
Bremerhaven (neph) Theater für kleine Menschen im „piccolo teatro haventheater“ nennt sich „piccolino“. Gestern war Premiere mit dem Weihnachtsstück „Mama Muh“ für Kinder und jung gebliebene Erwachsene.
Das kleine Zimmertheater in der Alten Bürger 200, in Bremerhaven, erfindet sich immer wieder neu. Auf der Handtuch großen Bühne entstehen immer wieder überraschende Welten. Die Begrenzung durch Wände kann man nicht spüren wenn im „piccolo“, oder jetzt auch „piccolino“ das Licht angeht. Es ist ein Stall mit echtem Stroh, Gartenwerkzeugen und Milchkannen aufgebaut. Staub und Spinnweben, eine schwache Funzel und Mäuse (aus Stoff) geben die Stimmung. Und diese Stimmung zieht die Kinder und Erwachsenen in ihren Bann. Ein Blick über die Schulter und ich sehe strahlende Kinderaugen die bei jeder Bewegung auf der Bühne mitfiebern. Eltern, die gewöhnlich vorrangig zu solchen vorweihnachtlichen Vorstellungen wegen der Aufsicht mitgehen, haben einen Glanz und eine Faszination im Gesicht gleich dem ihrer Schützlinge. Was macht es aus, dass diese Spannung entsteht und im gesamten Spielverlauf rüber kommt? Bei einem Kinderstück stellt sich auch die Frage wer der bessere Kritiker ist: Der Verfasser dieser Zeilen oder das naivste und direkteste jüngste Publikum? Natürlich sind es die Kinder! Also lese ich meine Kritik von den Gesichtern der Unbestechlichen ab. Während der Einlasszeit viel Rumoren. Einige quengeln, andere weinen, Ungeduld wird geäußert und manche wechseln noch Mal die Plätze. Doch als Heike Eulitz als „Mama Muh“ mit ihrem Rad aus der Bibliothek mit den Büchern kommt wird es mucksmäuschen still. Sie lauschen und haften sich mit ihren Augen ans Spiel. Kindern muss man ständig etwas anbieten um sie bei der Stange zu halten. Sie denken nicht, sie leben mit auf der Bühne im Stall und im Krähennest, in dem Dayen Tuskan als Krähe und bester Freundin von „Mama Muh“ wohnt. Dayen Tuskan und Heike Eulitz erfüllen diesen Punkt voll und ganz. Sie spielen in einem dynamischen Fluss der sich mit der Atmung der Kinder zu verbinden scheint, und so ein großes Theater-Publikum-Tier entsteht, dem sich niemand entziehen kann. Von Anfang bis Ende. Das Spiel von der Bühne im Ohr und den Blick auf die Kinder sehe ich wie sie oft vor lauter miterleben das Lachen vergessen. Hier und da haucht ein Lächeln über die Gesichter, doch das Spiel geht schon weiter - und bevor man was verpassen könnte was dort auf der Bühne geschieht - verzichten sie lieber, wenn auch unbewusst, auf den Lacher. Erst ganz zum Schluss, als das Stück zur Auflösung kommt, brachen sich die gehaltenen Lacher Bahn. Die Kinder lachten vor Glück ohne einen genauen Anlass zu kennen. Volltreffer! Bravo!
Das Stück wurde von Dayen Tuskan geschrieben vom Oetinger Verlag autorisiert und von Roberto Widmer inszeniert. Es ist eine Compilation mehrerer Bücher und Geschichten von „Mama Muh“. Der Inhalt dieser Fassung beschreibt die Vorbereitungen auf das nahende Weihnachtsfest. Es handelt von Freundschaft, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Neugier, Ungeduld, Achtung und Alltag. Kein erhobener Zeigefinger, vielmehr „nachvollziehbare Situationen und für jede Religion verständlich“, zieht sich als Motto durch die Handlung. In einer simplen Sprache wird kurz und knapp erzählt. Wie in einem Atemzug schreitet die Handlung voran. Wenn es eine Aussage gibt, dann vielleicht diese: „Lebe ehrlich und aufrichtig in jedem Augenblick mit deinen Freunden“. Das macht neugierig darauf noch öfter etwas von Dayen Tuskan zu hören. Und ganz nebenbei löst Roberto Widmer das Versprechen ein, im „piccolo“ eine Bühne zu bieten auf der sich neue Künstler ausprobieren können. Wo sonst ginge das für Theatermenschen in dieser Stadt?
Nach dem Schlussapplaus zieht es die Kinder magnetisch auf die Bühne, zu dem Ort an dem sich gerade alles abgespielt hat. Autogramme werden gegeben und die Requisiten bewundert. Dieses Erlebnis wird den Kindern noch lange in Erinnerung bleiben. Und nun die halbbittere Pille hinterher: die Vorstellungen sind ausverkauft. Und einen Trost gibt es auch: es gibt eine Warteliste auf der man sich eintragen lassen kann. Und dann wird es wohl noch zusätzliche Vorstellungen geben, hoffentlich. Anmeldungen unter 0471 - 4838 777 oder info@haventheater.de
(Bremerhaven) Im Fischereihafen in einer ehemaligen Produktionsstätte für Rollmöpse und andere Leckerei ist das Figurentheater Bremerhaven von Ulrike Andersen beheimatet. Seit einigen Jahren steht die Kartoffelkomödie, ein Ritterdrama, auf dem Spielplan. Das ist schwarzer Humor für Erwachsene die sich gerne einmal verzaubern lassen wollen.
Das Figurentheater befindet sich recht unscheinbar in der ausgedienten zwei geschoßigen Packhalle V. Eine schmale Treppe führt nach oben. Rechts ist ein Fotoatelier und grade aus steht die Tür zum Theater offen. Draußen alte, zig Mal umgebaute Ziegelmauern und oben ein liebevoll hergerichteter Veranstaltungsraum. Draußen fegt der herbstliche Wind über den Asphalt und drinnen wartet ein Tempel der Verzauberung auf das Publikum. Musik hinter der Bühne macht Atmosphäre. Die Gespräche auf den Reihen klingen wie in einem privaten Wohnzimmer. ca 40 bis 50 Gäste können Platz nehmen, man ist hier unter sich. Die Gäste eines Figurentheater sollten sich noch ein bisschen Erinnerung an ein Puppenhaus aus ihrer Kindheit erhalten haben. Es ist die kleine Welt in der alles möglich ist, eine Welt die keine Grenzen kennt und von der wir selbstverständlich wissen: sie ist irreal, Fantasie, Zauber und gibt Raum zum durchatmen von den Sorgen des Alltags.
An der Kasse bekommen wir einige Hinweise. Dort ist die Garderobe, hier die Getränke, in wenigen Minuten geht es los wir warten noch auf weitere angekündigte Gäste. Die Wartezeit überbrückt der freundliche Mann in dem er uns etwas über das Gebäude berichtet, wie dort früher gearbeitet wurde, wie man die Körbe mit Fisch durch ein Loch im Fussboden hiefte. Diese kleine persönliche Ansprache verbindet die Gäste die sich untereinander nicht kennen zu einer Gruppe Zuschauer. Wir schauen jetzt wie eine familiäre Gemeinschaft, ein Grundmass an Intimität entsteht. Als ob wir ein Geheimnis teilen würden, das wir ausserhalb dieser Mauern niemanden erzählen würden: Die Liebe zur kindlichen Fantasie. Dann geht es los.
Ulrike Andersen, verkleidet als bäuerliche Hausfrau, erscheint mit einem Topf voll Kartoffeln. Sie setzt sich und beginnt zu schälen und zu erzählen. Ein Prolog. Dann geht sie ab und die Figuren übernehmen das Spiel. Eine Hand-Kartoffelpresse tobt fauchend mit aufgerissenen Maul durch die Landschaft. Ein roter Gummihandschuh versucht sich in Sicherheit zu bringen. Aussichtslos! Nach wenigen Fluchtversuchen hat die Kartoffelpresse den Handschuh im Maul. So ist der gefürchtete Drache. Der König und seine Prinzessin, mit Kartoffelköpfen, haben sich im sicheren Kochtopf zurück gezogen. Wer es schafft den Drachen zu töten soll die Prinzessin zur Frau bekommen, verkündet der König. Da kommt einer der sich in die Prinzessin verliebt. Doch das muss geheim bleiben, den sie ist ja schon dem Drachentöter versprochen. Dann kommt einer dem man es sofort zutrauen mag, dass er den Drachen erlegt. Aufgebläht vor Mut und Stolz schreitet er zur Tat, allerdings planlos. Ich will nicht alles verraten. Der Drache wird nach einigen Verwicklungen getötet und durch Intrigen so auch manch anderer. Es gibt ein Happy End, soviel sei gesagt.
Das Spiel und die Sprache der Puppenspielerin überraschen durch kunstvoll erfundene Eigenwilligkeit. In einer Puppenwelt wird man kaum Texte erwarten die ein Goethe oder Schiller mit feinsinnlicher literarischer Begabung zisilierte. Es sind aber auch nicht nur Laute die von den Kartoffelfiguren und den Küchengeräten gestöhnt, gefaucht oder gehaucht werden. Ulrike Andersen hat eine ganz eigene Sprache ersonnen die so vortrefflich auf Charaktere und Situationen passt, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Man erkennt die Sprechmelodie der italienischen Sprache um einen Charakter zu zeichnen und dann eine nordischen Sprachmelodie für einen anderen. Sie spielt aber auch noch mit lateinischen Brocken in Situationen da man zwar eine konkretere Ahnung braucht was gesagt sein muss, aber nicht in die rationale Verständigung abgleiten darf. Und dann in wieder anderen Situationen sprechen die Figuren wie aus der Luft gegriffene deutsche Floskeln, die in ihrer Spontaänität keinem Charakter zugeordnet werden können, sondern vielmehr Situation bleiben. So bleibt die Kommunikation auf der Ebene einer Fantasiesprache diffus und hochkommunikativ zugleich. Die Wahrnehmung konzentriert sich auf die zwei qm Spielfläche und dem darin befindlichen Königreich. Man fiebert mit den Figuren und versteht alles aus der Handlung heraus, als wäre man ein weiterer Charakter, eine mitspielende Kartoffel.
Neben der Sprache ist die Handlung oder das Spiel der Figuren die wichtigste Komponente. Mimik ist den Kartoffeln leider nicht gegeben. Ulrikes Figuren haben eine dynamische Rhythmik als stärkstes Ausdrucksmittel. Wie im Film die Geschichte wesentlich durch die Bildersprache erzählt wird, so sind es hier längere Passagen in denen die Charaktere die Gäste in die Wunderwelt mitreißen. Wie der Gigolo sich hinter einer Tasse mit Kochgeschirr versteckt, oder sich ein Petersillienzweig als Nelke ansteckt, und nicht zuletzt der erste Kuss zwischen dem Liebespaar. Das sind Momente die man kaum einen Schauspieler in dieser Intensität und Glaubwürdigkeit zutraut. Das sind die Augenblicke in denen man in die Puppen- oder Figurenwelt eintaucht und eine von ihnen wird. Das Spiel ist fesselnd ohne spektakulär zu werden, es ist ergreifend ohne gefühlsduselig zu werden und es ist schlicht auf das wesentliche reduziert.
Nach der Vorstellung, die mit gebührendem Beifall bedacht wurde, läd die Spielerin die Gäste ein zu Pellkartoffeln mit Butter. Zwei große Kummen mit dampfenden Kartoffeln stehen bereit. Überrascht zögern einig, doch dann stehen sie auf und bedienen sich. Man sitzt noch einige Zeit zusammen und klönt über dies und das. Es fällt schwer nach Hause zu gehen, der Abend war schön.
Wer das Figurenhteater, und besonders die Kartoffel Komödie, noch nicht kennt darf sich auch weiter hin auf eine weitere Aufführungen freuen. Für 2011 ist die Komödie abgespielt, aber im kommenden Jahr gibt es wieder neue Vorstellungen. Ausserdem kann man die Komödie auch für besondere Anlässe buchen. Kontakt (www.figurentheater-bremerhaven.de) Tel.: 0471-417584
(Bremerhaven) Zuhause lautet der Titel von drei Frauenmonologen die am 29.10.2011 im „piccolo teatro haventheater“ Premiere hatten. Heike Eulitz zeigt in kraftvoll gespielten Rollen drei recht unterschiedliche Frauentypen. Mit dieser Inszenierung und diesem Schauspiel wird ein Massstab für Bremerhavens Theaterlandschaft gesetzt.
Roberto Widmer, Intendant des „piccolo teatro haventheater“, kokettiert gerne damit ein Boulevard Theater zu leiten. Das Gegenteil hat er nun wiederholt bewiesen. Die Auswahl der Stücke die bisher gezeigt wurden sind von hohem Niveau. Sie sind immer nah an dem was die Menschen in dieser Stadt betrifft, und werden immer in einer anspruchsvollen Inszenierung gezeigt. In diesem Fall sehen wir die Regie von Angelika Zacek. Der erste Blick auf´s Bühnenbild verrät, dass hier mit sorgfältiger Hand gearbeitet wurde. Respekt vor der Aussage sowie Hingabe und Würde in der Darstellung müssen die Wertepfeiler gewesen sein. Der Bühnenraum ist mit frischer schwarzer Farbe gestrichen. Der Raum erscheint wie für dieses Stück und für dieses Publikum hergerichtet. In der Mitte ein Teppich der vor einer Papierwand endet. Rechts und links ein Umzugskarton, ein Stuhl und ein Requisit. Viel mehr Material werden wir nicht sehen. Das Stück lebt von der ausdrucksstarken Sprache der Autorin Ingrid Lausund, und vom energetischen und konzentrierten Spiel Heike Eulitzs.
Die erste Frauengestalt persifliert den oberflächlichen Typ. Nach Erich Fromm ist das die Habefrau. Sie hat dies und das, welches sie nur mit merkantilen Wertungen benennen kann. So zeigt sie den 10.000€ und die 18.300€ und macht es sich am Ende vor dem 16.500€ bequem und legt noch ein 100€ oder zwei nach. Obwohl alle Gegenstände von diesem Typ nur in Eurobeträgen genannt werden ist immer klar wovon sie spricht. Amüsant mit einem Zwinkern im Auge umgesetzt kann sich der eine oder andere dabei ertappten selbst in diesen Kategorien schon öfters gedacht zu haben. Aber hier kommt noch hinzu das es eine Frau ist die es spielt und eine Frau die es inszeniert hat was eine Frau über Frauen geschrieben hat. Das gibt der Aussage eine entwaffnende Note. Welcher Männerklub würde schon so freizügig über seine Laster schwadronieren. Ist es eine weibliche Stärke Dinge zur Sprache zu bringen, die für sie selbst unangenehm sind?
Die zweite Frauengestalt ist die große Leistung von Heike Eulitz. Sie spielt eine Tochter in einer kleinen Plattenbauwohnung. Sie ist Kellnerin, so Mitte 30 nahe ihrem Zenit. Hat sie in Karl, dem Mittelmäßigen, ihr großes Glück gefunden, oder ist es an der Zeit sich zu entschließen wie der Rest des Lebens aussehen soll/muss? Über die Jahre und vieler Umzüge begleitet sie ein Gemälde aus der Hinterlassenschaft ihrer Familie: „Das jüngste Gericht“. Das dicke Packpapier hat einen Riss bekommen und gibt den Blick auf die Posaunen frei. Aus diesen Posaunen sprechen nun die Stimmen der Vergangenheit zu ihr. Vor allem ist da ihre Mutter. Für viele Töchter die beladenste Beziehung im Leben überhaupt. Überall gibt sie einen Kommentar dazu, und meistens in verletzender Kritik. Ist da ein Kampf zwischen Töchter und Mütter, in dem die Mütter von ihren Töchtern erwarten sie würden all das leben was sie selbst nicht hinbekommen haben? Und umgekehrt, ist da die überspannte Selbsterwartung den Wünschen der Mütter gerecht zu werden um nicht als gescheiterte Frau dazustehen? Die Autorin hat hier intensiven Blick in die weibliche Seele genommen und diesen Blick in klaren Worten umgesetzt. Zu dem im Geist geführten Disput mit der Mutter gesellen sich noch andere Stimmen. Nebenstimmen oder -Charaktere die die Argumentationskette der Mutter unterstreichen oder aus der Tochtersicht untermauern. Ein in Gedanken geführter Dialog ist ein Monolog, ein Kreislauf, ein Teufelskreis. Da kann sie noch so viele Stimmen bemühen: Der Kunstprofessor, die Therapeutin, Jean-Pierre der Geliebte und Galerist, Che, Johannes der Täufer, Schwester Augusta, der Heilend, der Erzengel und, und, und. Bei dieser Frauenfigur läuft Heike Eulitz zur Hochform auf. Der ganze Bühnenraum ist voller Gestalten, dem Zwiegespräch der Stimmen ist leicht zu folgen und man kann in die tieferen Ebenen der Darstellung einsinken. Das ist Theater auf hohem Niveau, das ist komplexe Kommunikation kunstvoll mit theatralen Mitteln klar verständlich erzählt. Mit einem lang und anerkennenden Beifall wurde sie in die Pause entlassen. Für einen Moment schien das Publikum nicht mehr zu erwarten bis es das Intermezzo erkannte. Alle Achtung für diesen Erfolg schon auf halben Weg!
Nach der Pause die dritte Frauengestalt. Sie kommt herein mit einem Tee-Tablett. Glücklicherweise ist in ihrem Monolog nur noch die türkische Putzhilfe und deren Tochter von dramatischem Belang. Denn diese Frau will es allen recht machen. Sie findet auch für alles eine Rechtfertigung ihrer Meinung, welche sie wie eine Fahne in den Wind hängt. Sie ist in der Seele aalglatt, gertenbiegsam, verständnisvoll und einfühlsam wie eine 17fach erleuchtete Buddha. Sie ist der Typ der sich jeder Anforderung zu stellen glaubt und irgend wann Krebs bekommt. Sie ist die Frau ohne einen Funken Persönlichkeit, die sich soweit zurück nimmt bis sie nur noch Schimmer und Schein präsumtiver Erwartungen ist. Sie ist die gesicherte Einnahmequelle der Psychotherapeuten, die Luftschlösser baut und sich so sehr damit identifiziert, dass Realität für sie zur Fiktion wird.
Diese drei Frauengestalten gehen unter die Haut. Heike Eulitz spielt mit Dynamik und Energie. Manchmal geht diese Kraft zu Lasten der feineren Mimik. Und wenn ich hier auch eine große Anerkennung ausspreche bleibt zu wünschen, dass sich die Gestalten in der poetischen Tiefe deutlicher von einander unterscheiden würden. Das bewegte und begeisterte Publikum zollte die Premiere mit einem schier nicht enden wollendem Applaus und forderte die Schauspielerin mehrmals zur Verbeugung auf die Bühne. Wenn man eine Ahnung davon bekommen möchte was Frauenpower sei, so sollte man unbedingt eine Vorstellung besuchen.
Weitere Vorstellungen im „piccolo teatro haventeater“ am Sa. 5.11., Fr. 11.11., Sa. 19.11., Fr. 2.12., Fr. 9.12. und So. 18.12.2011 Kartenvorverkauf unter 0471-4838 777.
Bremerhaven Am Samstag hatte „Der Goldene Drache“, ein Schauspiel von Roland Schimmelpfennig, Premiere im Kleinen Haus des Stadttheaters Bremerhaven. Das Ensemble mit Kika Schmitz, Mira Tscherne, Andreas Krebs, Kay Krause und Sebastian Zumpe überzeugte in der Regie von Tim Egloff. Das Stück wurde in einer Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum Stück des Jahres 2010 gewählt. Es geht um illegale Einwanderer. Und es geht darum wie man das Thema auf der Bühne umsetzen kann, den Ort in dem der Zuschauer direkt vor dem Geschehen sitzt.
Leere Bühne. Drei Wände mit goldenen Glitzergirlanden grenzen die Hinter- und Seitenbühne ab. (Bühnenbild von Janine Werthmann.) Die Schauspieler erwarten uns beim Eintreten. Sie tratschen und schauen uns zu. Sofort wird klar: Wir sitzen in einem Boot. Die Trennungslinie an der Rampe wird aufgehoben. Im Laufe des Spiels werden wir direkt angesprochen, aber nicht im Dialog, sondern wie Zuhörer einer Geschichte die uns im vertrauten Kreis am Kamin erzählt werden könnte. Intimität gepaart mit Distanz! Dann, als alle sitzen, wechselt das Licht. Temporeich legen sie los. Es beginnt in einer Küche in einem chinesischen Restaurant. Mindestens einer ist illegal, beschäftigt, eingewandert, vorhanden. Dumm das gerade dieser Zahnschmerzen bekommt. Der Zahn muss raus. Aber als Illegaler kann er eben nicht zum Arzt. Dann flöge er auf, die anderen wahrscheinlich auch. In der Folge beginnt eine Odyssee wie das Zahnproblem gelöst werden kann. Neben dieser Handlung, die der Rote Faden im Stück bleibt, gibt es Nebenschauplätze die das nähere Umfeld zeigen in dem die illegalen Menschen um uns herum leben, sich verstecken, sich ausbeuten lassen, sich ausnutzen und prostituieren lassen. Das die Zahnschmerzen zum unvermeidlichen Tod führen ist nur eine logische Konsequenz. Roland Schimmelpfennig zeigt in seinem Stück mit vielen klar verständlichen Halbsatzdialogen/Monologen und ellenlangen Aufzählungen vor allem den Weg und das Umfeld in dem es passiert. So ist der Lebensmittelhändler, großartig von Kay Krause dargestellt, einer von vielen Typen die dieses Umfeld bilden. Da sind noch zwei Stewardessen, dann ein junges Paar das überraschend ein Kind erwartet, ein anderes Paar mit Alkohol- und Beziehungsproblemen, der alte Mann der sich mit seiner Nichte trifft. Je weiter das Spiel voran schreitet stellt sich heraus das alle auf die eine oder andere Art mit einander verbunden sind. Dennoch sind die Illegalen streng getrennt von dem Umfeld in dem sie leben. Und es dürfen Fragen gestellt werden: Unterscheiden sich die Illegalen von den offiziellen in ihrem sozialem Dasein? Was trennt letztendlich die Gruppen voneinander ausser die Gesetzgebung?
In der Inszenierung fallen einige Dinge auf. Männer spielen Frauen und umgekehrt. Was hier erzählt wird ist nicht genderspezifisch, sondern menschlich. Im Stück ist die Fabel von Jean de la Fontaine von der Ameise und der Grille eingearbeitet. Die Darstellung dieser Metapher ist mit Spielrhythmik und gelungener Requisitenauswahl wunderschön, oder sollte ich sagen fabelhaft, umgesetzt. Tim Egloff ist es sehr gut gelungen die vielen Spielebenen und versteckten Schauplätze zu organisieren. Das erlaubt schnelle Wechsel von Szene zu Szene, das gibt Raum die verbindenden Gedanken zu einem straffen Seil zu knüpfen. Und dann geschieht in der zweiten Hälfte etwas besonderes. Der Funke springt über. Die Grenze zwischen spielen und betrachten löst sich auf. Es ist ein gemeinsames Erlebnis. Wir urteilen nicht mehr aus unseren Sesseln heraus, wir sind Teil des Geschehens. Das ist sicherlich dem Ensemble zu verdanken, dass mit hohem Einsatz und überzeugendem Engagement uns alle in den Bann zieht. Dafür ein „Bravo!“ Das lässt uns vergessen und darüber hinweg sehen das einige Passagen in der überschnellen Dynamik nicht richtig zu verstehen waren. Denn Theater ist erleben und nicht urteilen, und schon gar nicht Geschmack. Man kann nur hoffen das sich der Erfolg schnell herum spricht. Denn ca. ein Drittel der Plätze im Kleinen Haus blieben leer. Dafür war der verdiente Applaus anhaltend und herzlich.
Mit geringer Beachtung ging ein Gastspiel im piccolo teatro haventheater zu Ende: „Kleine Engel“ von Marco Baliani in der Regie von Björn Kruse. Die beiden gesellschaftlichen Aussenseiter, Micha und Gabi, treffen sich am Rand der Stadt unter der letzten Laterne. Beiden ist ein Arbeitsplatz im Himmel versprochen worden. Man ahnt es schon, die Geschichte wird skurril.
Micha glaubt nicht an Engel, ganz anders ist da Gabi. Engel sind für sie so real wie die aussichtslose Hoffnung für einen Arbeitsplatz auf Erden. Beiden ist gleich, dass sie am Ende ihrer Träume angekommen sind. Und da bekanntlich die Hoffnung das letzte ist was stirbt sind sie hier am ultimativen Punkt ganz richtig. Jeder für sich haben sie den verheißungsvollen Mann im dunklen Mantel getroffen der ihnen genau das versprach was ihnen in ihrer Not am Herzen lag. Geben mussten sie dafür das letzte was ihnen an Wert geblieben ist. Nun stehen sie unter der Laterne, dem Treffpunkt der die Lösung bringen soll. Ein bisschen Godot und ein bisschen Märchen. Das Stück ist angelegt für Kinder ab 10 Jahren und Erwachsene die immer noch Mut und die innere Freiheit haben zu träumen. Es ist ein Stück für die nachdenklich stimmenden Töne. Es ist die Gelegenheit einen Moment durchzuatmen und sich in eine fantastische Welt tragen zu lassen.
Wartend kommen die beiden ins Gespräch und wagen einen Blick in den Himmel. Schnell sind einige Wolken da. Aus der Himmelssicht sehen die Dinge schon ganz anders aus. Bei Gabi ist die Engelrealität so selbstverständlich das Micha ins grübeln kommt. Doch nicht nur Micha, auch die Zuschauer werden nachdenklich. Wie erfüllen sich unsere Träume? Ist diese Frage in unserer rationalen Wirklichkeit schon soweit ins Abseits geraten, dass wir nur noch ein müdes Lächeln dafür übrig haben? Die Schauspieler Suntje Freier und Henry Schultze schaffen es für uns die Zeit anzuhalten. Wir können uns erinnern wie es ist zu träumen und auch daran dass wir Träume haben die es wert wären real zu werden. Was müssen wir tun? Micha und Gabi teilen sich gegenseitig ihre Wünsche mit, damit werden die Wünsche aus der privaten geheimnisvollen Ebene heraus gehoben. Träume die in unseren Herzen schlummern tragen wir nicht auf der Zungenspitze. Wenn wir uns allerdings mitteilen wollen dann brauchen wir Vertrauen. Vertrauen zu schenken bedeutet auch ein Opfer zu bringen, wir opfern unsere Träume im Moment da wir unser Geheimnis lüften. Wer sich das zutraut und versteht kann damit Berge versetzten. Und solchen Menschen ist es auch vergönnt an Engeln zu glauben.
Diese kleine fantastische Geschichte, die für alle jungen und jung gebliebenen geschrieben wurde, kommt mit einer Theatralik daher die man seltener antrifft. Sprechtheater ist mehr dem rationalem reflektieren gewidmet. Doch Theater bedeutet auch der magische Moment in dem sich Welten öffnen und man nur noch mit dem Herzen verstehen kann. Dieses Kunststück ist dem Hamburger Ensemble mit der Inszenierung von Björn Kruse gelungen. In einer Zeit da Theaterpädagogik der Maßstab oder die Basis für Kinder- und Jugendtheater wurde ist es bemerkenswert das man auch Lebenswerte statt mit pädagogische Bildungskeule mit gekonntem Schauspiel eindrucksvoll vermitteln kann.
Man muss in diesem Zusammenhang auch hervor heben wie wichtig es ist das piccolo teatro in der Stadt zu haben. Überall schwingt das Wort der Diversity, der Vielfalt mit. Durch das kleine Zimmertheater wird diese Vielfalt erst möglich gemacht. Und so höre ich immer wieder Stimmen in der Stadt und von Theatergästen bei den Aufführungen in der „Alten Bürger“ 200, wie es nötig war dieses Theater als ergänzendes Gegengewicht zum Stadttheater zu bekommen. Monopolstellungen werden überall in Europa abgebaut . Einer Stadt wie Bremerhaven mit vielen Verbindungen in der Welt steht es nicht gut an sich einen provinziellen Touch zu erhalten wenn es um Theaterinnovation geht.
Am Sonntag war die letzte Vorstellung. Es gibt allerdings die Möglichkeit das Stück zu buchen z.B. für Schulveranstaltungen o.ä. Kontakt nimmt man dafür mit Roberto Widmer im piccolo teatro unter 0471-4838 777 auf.
Einer Metapher gleich liegen ausgebreitet Europaletten auf der Bühne und reichen in Laufstegen über den Orchestergraben hinaus bis auf den Schoß der Gäste in der ersten Reihe. In der Bühnenmitte türmen sich weitere Paletten zu einer Wand auf und öffnen mit transparenten Vorhängen einen Spielraum in dem Luxus und Dekadenz sich nach Freuden ausbreiten kann. Die sparsam eingesetzten Lichtwechsel vollenden eine Stimmung in der die Lebenslügen der Familie Big Daddys zum Vorschein kommen können, an seinem Geburts- und Sterbetag. Ein Lob an Claus Stump für diese Ausstattung. So eröffnete „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams in der Regie von Kirsten Uttendorf im Großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven am vergangenem Samstag.
Europaletten sind ein treffendes Bild. Auf diesem genormten Transportmitteln wird weltweit alles denkbare Handelsgut befördert. Sie stehen zum einen als Zeichen für Umsatzgewinne in unvorstellbaren Dimensionen, Reichtum für die wenigen die den Markt kontrollieren. Andererseits wird schon allein durch die normative Reproduzierbarkeit angezeigt wie groß das Heer der Arbeiter oder Industriezeitsklaven sein muss um diese Flut von Waren zu bewegen. Die Europaletten im Bühnenbild sind offensichtlich neu. Und dennoch ahnt man unvermittelt den Schweiß und die Erschöpfung einerseits, so wie die dicken Zigarren und Schirmgetränke in feudalen Salons andererseits.
Big Daddy hat sich von dem Staub der Straße durch Hände Arbeit und geschickter Manipulation an die Spitze der 28.000 Morgen großen Baumwollplantage gestellt. Er ist ein Mann ohne reinem Gewissen. Er ist ein Tyrann der den letzten Funken Menschlichkeit darin bewahrt, in dem er seine Familie über alles stellt. Aber dieser Wert der Familie ist nicht aufrichtig. Es ist lediglich ein Beruhigungsteil im Puzzle der patriarchischen Big-Daddy-Dynastie. Jetzt am Ende seines Lebens bröckelt und bricht die mühsam aufgebaute Fassade in sich zusammen. So lange er mit Macht und Gewalt alle unter Kontrolle hielt, liefen die Dinge in geordneten Bahnen. Doch wenn die Kontrolle und Gewaltherrschaft an Lebenskraft verliert, dann blitzen die unterdrückten Begehrlichkeiten der einzelnen Familienmitglieder auf und bringen den Herrscher zu Fall. Gadaffi war so ein Big Daddy, Muscharaff auch und in abgeschwächter Form finden wir solche Charaktere überall in der Welt. Und ja, sie vermuten ganz richtig, auch in unserer Nachbarschaft werden sie fündig.
Tennessee Williams hat diesen Verfall und die aufkeimenden Begehrlichkeiten präzise beschrieben. Wenn Ibsen die Psychologie auf die Bühne gebracht hat (Nora oder ein Puppenheim), dann ist Tennessee Williams der Dramatiker der mit feinen psychologischen Nuancen Charaktere beschrieben hat die das Theater auf eine neue Kommunikationsebene gehoben haben, in die Vierdimensionalität, ein Raumzeit-Seelen-Kontinuum. Die Charaktere sind wie Göttergestalten angelegt und kaum noch mit realen Menschen zu vergleichen. Brick, gespielt von Andreas Möckel, trinkt an Big Daddys Geburtstag nahezu drei Flaschen Whiskey ohne erkennbar betrunkener zu werden. Und erst als er die Dritte fast geleert hat, setzt seine Transformation ein. Das ist kein Mangel an Schauspielkunst, vielmehr ist es die Entscheidung wie T. W. metaphorisch die Dimension vom Innenleben eines universalen Brick anlegte. Maggi, seine Frau, ist die fleischgewordenen Walküre die nicht nur bildlich gesprochen alles dafür gäbe um Bricks Liebe zurück zu gewinnen und in einem Triumph aufsteigen zu lassen. Um so mehr ist es mir allerdings ein Rätsel, warum die Regie diese beiden göttergleichen Potentiale so flach und unspezifisch angelegt hat. Brick kommt kurz vor der Pause zumindest annähernd an die Dimension die man einem Brick-Charakter abverlangen darf. Maggi, gespielt von Sascha Maria Icks, kommt nicht über eine sich anbiedernde Gebärbereite hinaus. Wer Frauen – und auch Männer – allein über ihren Sexualtrieb zu definieren sucht hat vom Menschsein, von der Seele der Menschheit und von Tennessee Williams nicht viel verstanden.
Die offensichtliche oder vordergründige Handlung beschäftigt sich damit das ausser Big Daddy und Big Mama es alle wissen: Big Daddy wird am Krebs sterben! Es traut sich nur niemand dem Hausherrn die Wahrheit zu eröffnen. Und hier stellt sich nun die Frage warum uns diese Inszenierung vorgestellt wird. Ist es ein versteckter Hinweis den Tyrannen dieser Welt mitzuteilen, dass ihre Zeit vorüber ist? Ist diese Inszenierung so etwas wie ein sozialgeschichtlicher Rückblick ins Jahr 1955? Oder wird hier die gesamte Bandbreite der Emotionen, Liebe, Hass, Neid und alle Familienthemen wie Ehe, Kinder, Sex, Krankheit und Tod lediglich angesprochen? Deutlich wird es nicht. Der Herr neben mir in der Reihe klagte nach der Pause bereits das Stück „… habe einige Längen.“ Als im dritten Akt Gooper mit Vertragsentwürfen über die Nachlassregelung anrückt und Dr. Baugh das Morphium für den Sterbenden auspackt riskiere ich einen kleinen Rundblick. Drei Gäste entdecke ich die das Schauspiel für sich zum Hörspiel gewandelt haben. Das mag daran liegen weil die Sehgewohnheiten durch Film und TV geprägt sind. Es gibt Erhebungen die besagen das TV-Nutzer nach spätestens fünf Sekunden, in denen nichts neues passiert, umschalten. Als Big Daddy erfährt das er eben doch am Krebs sterben wird, steht er geschlagene 16 Sekunden reglos da, kein Wort, keine Spannung und keine Reaktion. Und das war nicht die einzige Situation: es gab pathetische Abgänge, ostentatives Gelausche und bedeutungsschwangere Momente in denen nur die Zeit lautlos verfloss. Wir auf der anderen Seite der Rampe müssen raten, rätseln und vermuten. Ein manipulativer Druck lastete auf dem Auditorium der vereinzelt, verständlicher Weise, einschläfernde Wirkung hatte.
Der Premienapplaus forderte das Ensemble mehrmals zur Verbeugung auf die Bühne heraus. Theater ist weit mehr als Unterhaltung, und um die Tiefen wie sie Tennessee Williams beschreibt auszuloten, hätte man dem Spiel mehr abverlangen dürfen. Die Schauspieler wären sicher dazu bereit gewesen. Diese Inszenierung bietet die Möglichkeit zu einer kontroversen Diskussion darüber was man von einer professionellen Bühne erwartet darf. Diese Auseinandersetzung sollte man als Theaterliebhaber Bremerhavens einfordern. Dann hat der neue Intendant noch Möglichkeiten in den kommenden Jahren zu reagieren.
Weitere Vorstellungen am 28.Sept. und 2., 7., 14. und 22. Okt. 2011 jeweils um 19:30.
Die Blüten aus dem Koran
Das „piccolo teatro haventheater“ ist mit Tischen und Stühlen eingerichtet wie in einem Straßencafe. Es dudelt eine Musik wie aus einem Radio. Man kennt diese Radios, die unbeachtet vor sich hin plärren als akustischer Raumfüller wie im Supermarkt oder beim Gemüsehändler in Paris. Die „Araber-Läden“ die Nachts und Sonntags geöffnet haben, wo man zu jeder undenklichen Zeit noch eine Flasche Wein oder andere lebenswichtige Dinge bekommt. Diese Geschäfte sind die gelebte Sozialstation, abseits von Soz.-Päd.-Betreuung, abseits von staatlicher Kontrolle und Unterstützung, eben Leben im direkten Kontakt von Mensch zu Mensch.
Wir sitzen da und warten auf den Spielbeginn. Doch es hat bereits angefangen. Ohne weiteren Lichtwechsel - einen Vorhang gibt es sowieso nicht - kommt Moses, der Sohn eines jüdischen Rechtsadvokaten, als hätte er im Gemüseladen Nebenan auf uns gewartet und erzählt uns seine Lebensgeschichte. Von seiner Kindheit, als er mit 11 Jahren genötigt war sein Leben selber in die Hand zu nehmen, wie er mit Vorurteilen konfrontiert wurde und sich eine adäquate Reaktion einfallen lassen musste. Er erzählt von dem guten Freund den alle Kinder mit schwierigem Elternhaus, und auch manche Erwachsene, gerne hätten, der immer da ist und die richtigen Worte ins Ohr flüstert wenn man nicht weiter weiß. Dem man nicht alles mitteilen muss und der einen doch versteht, und dann noch mit überraschenden Weisheiten in der Art von alltäglichen Tips daher kommt. Genauso kommt es daher, das neue Stück im piccolo „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.
Roberto Widmer stresst gerne den Begriff „Boulevard-Theater“ wenn er von seinem Theater spricht. Unter uns gesagt, das ist gelinde untertrieben. Unterhaltung steht bei ihm im Vordergrund, das erfordert der freie Theaterbetrieb heute nun einmal. Darüber hinaus hat er ein gutes Händchen in der Auswahl seiner Stücke. Nach „Feuerbach“ und „Haie die nicht geküsst werden sollten“ hat er nun ein Stück ausgewählt das durch seine Poesie besticht. Ich rede nicht von Reim; ich rede von den feinen Tiefen die man nur entdeckt wenn man mit dem Herzen hört, von den großen Wahrheiten die man nicht in Worte fassen kann. Bei Monsieur Ibrahim geht es nicht um die vordergründlich unterschiedlichen Religionen, Islam und Judentum, es geht darum hinzuhören und im richtigen Moment das richtige zu tun. Und das richtige wird entschieden vom Herzen mit dem man hört, wenn man hinschaut. An dieser Stelle muss einmal das Bühnenbild erwähnt werden. Auf der kleinen Bühne ist Platz für viele Räume. Moses steht an der Wand in einem leeren Eck wenn er mit seinem Vater spricht, und wenn er über seine wandelnde Existenz reflektiert sitzt er auf einer Bank. Er ist einmal verlassen und einmal irgendwo angekommen. Ibrahim sitzt neben einem Vorhang durch den er unbemerkt alles in der Nähe im Auge behalten kann. Als die Mutter von Moses nach zig Jahren zurückkehrt ist er bei der Hausarbeit die er an ihrer Stelle eingenommen hat. Wenn Ibrahim und Moses wie die Derwische tanzen ist da noch eine weitere Fläche die uns in den nahen Osten mitnimmt. Es ist auch noch Platz für ein Bordell, einen Gemüseladen, das oben benannte Straßencafe und die ganze Welt wenn es sein muss. Den intensiveren Theatergängern sei empfohlen sich vor Beginn einmal umzuschauen und zu imaginieren was in dem Bühnenbild stattfinden, und welche Spielrhythmen er erwarten kann. Das könnte eine interessante Einstimmung sein die vielen Möglichkeiten zu sehen mit denen der Theatergast auf die Reise genommen werden könnte.
„Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Eric-Emmanuel Schmitt gibt es noch am 22. Sept. und 07., 14. und 21. Oktober. Weitere Termine folgen. Rechtzeitige Vorbestellung ist wegen dem guten Zuspruch geboten. Kartenvorverkauf unter 0471-4838 777 oder per Mail an: info@haventheater.de